Sommerkleid von 1925 - Fert...äh nein, Fail, S.4

Zur Dokumentation von laufenden Projekten. Zeigt her in Wort und Bild, was ihr gerade näht oder bastelt.

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Constanze
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Sommerkleid von 1925 - Fert...äh nein, Fail, S.4

Beitragvon Constanze » 24. Aug 2016, 09:51

Ich bin offiziell wahnsinnig. Bewerbungsphase, dringende Projektarbeit, grosser Vortrag in einem Monat und Herbst wird es auch.

Und ich? Nähe ein Sommerkleid nach historischem Schnitt und lasse euch daran teilhaben.
Welcome, have a seat :tee:

Worum geht es hier: Ich nähe ja viel nach historischen Schnitten. Zu Weihnachten 2014/15 habe ich meinen ersten 20er Jahre Schnitt versucht und bin in einem Dolores-Umbridge-Gedächtnisoutfit erwacht (das Grauen nur als Link, sonst verschwindet ihr ja sofort alle wieder). Seit dem Fotoshooting liegt das Ding im Schrank, warum wohl. :wink:

Nun werde ich mich an einer Konfrontationstherapie versuchen. Ich habe dieses karierte Polytier nicht nur in rauhen Mengen in rosa, sondern auch in hellgrün (Spontankauf im Sale bei Buttinette vor vielen Jahren). Es sieht von der Optik gar nicht so schlimm künstlich aus (auch wenn ich es heute sicher nicht mehr kaufen würde), ist aber eine Zicke unter der Nähmaschine, zumal mit diesem Muster (Heftnähte von Hand, ich komme).

Bild

Und ich habe vor einigen Monaten einen wundervollen Stapel Schnittmusterhefte "Der Bazar" von 1924 und 25 gekauft (das rosa Ungetüm oben entsprang einem Zufallsfund in einem Stickbuch, ein Schnittmusterbogen der lange der einzige aus diesem Jahrzehnt in meinem Besitz war), fast alle vollständig mit Schnittbögen.

Bild

Den habe ich nach dem Kauf zwar durchgesehen, aber eher in stiller Bewunderung. Sonntag habe ich dann die Nervosität vor dem Vorstellungsgespräch am Montag verdrängt, indem ich aktiv nach Schnitten gesucht habe. Im Gegensatz zu modernen Burdas und vergleichbarem, waren früher nämlich längst nicht alle Schnitte dabei, sondern viele konnten zusätzlich bestellt werden, das gleiche galt für verschiedene Größen, auf dem Schnittmusterbogen war immer nur eine abgedruckt. Nun ca. 91 Jahre nach Erscheinen bleiben mir damit nur die auf dem Bogen in meiner Größe gedruckten Schnitte, was meistens so 2-3 pro Heft sind.
"In meiner Größe" heisst übrigens so klein wie möglich, leider geht die Skala nicht unter 45cm einfache Brustweite (=90cm Umfang). Das ist sicher zu groß, in Schnitten aus den 40ern und 50ern passen meist 84cm Brustweite ganz gut (was leider eher langweilige Schnitte für Teenager sind). Aber bei so alten Schnitten muss man sowieso häufig viel ändern, daher bin ich das nicht anders gewohnt.
Hängen geblieben bin ich dann an einem eher unspektakulären Schnitt aus der 2. Mai-Ausgabe 1925, bei welchem ich spontan an diese grünen Karos denken musste, welche ich euch oben schon vorgestellt habe (also sie standen nicht am Anfang der Suche, es passte einfach so toll, dass ich einen Schnitt fand, der den Angstgegner herausfordert).

Bild

Man sieht leider nicht so viel. Das Ganze ist ein sehr gerades Kleid mit tiefer Taille. Vorne ist es geknöpft und auf den Rock wird ein Volant aufgesetzt (das ist keine eigene Rocklage, sondern er hängt wie ein Lappen vorne runter). Das Kleid hat einen Reverskragen und auch einen Ärmelschlitz, bei welchem ich mir über das Aussehen noch nicht ganz im klaren bin. Auf der großen Zeichnung sieht es aus wie ein normaler Schlitz mit Kontraststoff, auf der kleinen steht da eindeutig was ab.
Die Beschreibung im Heft lautet:
Mantelkleid aus Frottee -- Die gerade, schlanke Linie des schlichten Kleides, an unserem Modell aus ziegelrotem, schwarz-weiss-kariertem Frottee, unterbricht die vorn aufgesetzte glockige Tunika. Ihre seitlichen Ränder fassen weiße Pikeeblenden ein. Die den vorderen rechten Rand begrenzende, etwa 2 1/2 Cent. breite doppelte Pikeeblende ist in gleichmäßigen Abständen (etwa 2 3/4 Cent.) mit schwarzen Kettstichlinien verziert und tritt lose über die Tunika sowie über den unteren Rand; am 7 Cent. breiten Saum wird sie innen befestigt. Oben sichert auch den linken Rand eine gleiche Pikeeblende. Kugelknöpfe - längs der vorderen Pikeeblende in etwa 4 Cent. großen Abständen angebracht - dienen teils zum Schmuck, oben zugleich für den Schluß. Hierfür sind sie an der linken Blende angebracht und durch Knopflöcher (durch Unterbrechung der Ansatznaht der rechten Blende gebildet) nach außen geführt. Breite Innenbekleidung an den Vorderteilen, deren überflüssige Weite oben Abnäher einschränken. Rückwärts ist dem Kleide ein schräger Stoffteil eingesetzt., seitlich von Pikeeblendenstreifen begleitet. Auch an den langen, eingesetzten Ärmeln sind mittels Knöpfen Pikeeblenden aufgesetzt.
Ja, Frottee! Und dazu Pique. Wie das mit dem Schnitt nicht nach Bademantel ausgesehen haben soll, ich weiss es nicht. Was ich anstelle des weissen Piques nehme, weiss ich noch nicht. Vielleicht schwarze Baumwolle? Die Besatzstreifen richten sich ja nach der Farbe der Karos, diese sind bei mir auch schwarz-weiss. Allerdings setzen sich die weissen Streifen sicher schön von einem dunkelroten Frottee (brrr) ab, auf dem eher hellgrünen Stöffchen dürfte sich schwarz wohl besser machen.

An dieser Stelle werde ich also ein wenig die Entstehung des Kleidchens dokumentieren und hoffe, dass hinterher etwas tragbareres als beim rosa Versuch herauskommt.

Hättet ihr zudem Interesse, wenn ich ein wenig über die Arbeit mit so alten Schnitten erzähle? Ich höre häufig, dass diese alten Bögen so schwer verständlich und unmöglich zu nähen sind, falls da Bedarf besteht kann ich gerne ein paar Einzelheiten zeigen, wie ich so einen Schnitt übertrage. Also solche Schnitte:

Bild

Falls nicht mache ich einfach mit dem Entstehungsprozess des Kleides an sich weiter.
Jetzt geh ich aber erst einmal ein wenig meinen Vortrag schreiben, nähen darf ich dann erst wieder heute Nachmittag.
Zuletzt geändert von Constanze am 5. Mai 2018, 15:42, insgesamt 11-mal geändert.
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Tenshi » 24. Aug 2016, 10:24

Oh wie spannend! Ich würde mich sehr über eine möglichst ausführliche Dokumentation freuen.
Vielleicht haben wir uns an den Scherben unserer Träume geschnitten
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon TanteLiese » 24. Aug 2016, 11:10

Oh, das wird spannend! :tee:
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Lenmera » 24. Aug 2016, 12:51

Ich würde mich sehr über eine ausführliche Dokumentation freuen!
Ich habe noch einige Schnittbücher aus den 30ern hier unangetastet liegen...
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon T. T. Kreischwurst » 25. Aug 2016, 08:07

Ohja, bitte ausführlich! Das ist so dermapen gruselig, dass ich das ganz genau wissen will :mrgreen: .
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Magdalia » 25. Aug 2016, 17:38

Ich habe hier auch noch so alte Zeitschriften liegen, an die ich mich bis jetzt noch nicht getraut habe. Also eindeutig Pro ausführliche Dokumentation! :)
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Gräfin von Koks » 25. Aug 2016, 18:36

Ich finde du bist die charmantesteste Dolores die man sich vorstellen kann.

Ich bin gespannt.
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Ravna » 25. Aug 2016, 18:58

Uh, spannend, da schaue ich gerne zu. Die Schnittmuster aus meinen beiden 50er jahre Original-Burdas sehen übrigens sehr ähnlich wirr aus und auch da gabs nur 1 bis 2 Größen pro Schnitt. Ich hab sie mit Architekten-Transparentpapier durchgepaust. Bin aber jetzt echt gespannt, wie du das machst. :mrgreen:
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Constanze » 25. Aug 2016, 20:18

Herzlich willkommen! :)
(hilfe, Zuschauer, ich bin ganz aufgeregt)
Gräfin von Koks hat geschrieben:Ich finde du bist die charmantesteste Dolores die man sich vorstellen kann.
Dankeschön *rotwerd* trotzdem gut, dass ich keine Lehrerin geworden bin :twisted:
Ravna hat geschrieben:Ich hab sie mit Architekten-Transparentpapier durchgepaust. Bin aber jetzt echt gespannt, wie du das machst. :mrgreen:
Das eigentliche Durchpausen ist auch nicht anders als bei neueren Schnitten. Und wenn du mit denen aus den 50ern klar kommst, dürften die älteren auch nicht gross Schwierigkeiten machen. Aber ein paar Stolperfallen haben so alte Schnitte ja doch, ich dachte eher an diese als an das eigentliche Übertragen.

Ich werde die Schnittmusteranleitung in drei Teile aufteilen: Mit dem Chaos klarkommen - übertragen - zum Nähen vorbereiten.


Was immer praktisch ist sind übrigens etwas Konzentration, Zeit, eine Tasse Tee und Kekse :) Wein hilft bei dieser Übung leider nicht. :lol:

Sonst braucht man neben den üblichen Verdächtigen Bleistift und Seidenpapier eigentlich nur ein langes Lineal.
(Prinzipiell darf jeder mit seinen Schnitten umgehen wie er oder sie möchte. Aber ich persönlich finde, dass man etwas, das schon so lange überlebt hat, nicht mutwillig schädigen muss. Daher werden solche Schnitte bei mir nicht durchgeradelt, ausgeschnitten oder angemalt. Das mit dem Bleistift kann ebenfalls jeder machen wie er will, ich arbeite in einem Museum, da kommen an ein historisches Objekt keine anderen Stifte dran, ist also 'ne Berufskrankheit, aber so kann man doch hinterlassene Spuren vorsichtig wieder entfernen).

Kommen wir also zum ersten Teil: Mit dem Chaos klarkommen oder: sich einen Überblick verschaffen. Eigentlich ist es genauso wie bei modernen Schnitten. Man hat

> eine Abbildung im Heft
> eine Beschreibung des fertigen Kleidungsstücks
> eine Anleitung für den Nähprozess
> technische Zeichnungen und
> den Schnitt

Nur dass die Ausführlichkeit oder die Form teilweise anders ist.

Die Abbildung und die Beschreibung habt ihr schon gesehen im ersten Post. Die Anleitung auf dem Schnittmusterbogen fällt dafür sehr kurz aus, da die technischen Details bereits in der Beschreibung erwähnt werden. Die Anleitung bezieht sich bei diesem Schnitt ausschliesslich auf die Übertragung des Schnittmusters. Eine Beschreibung, was wie zusammengenäht wird, gibt es häufig nur bei sehr komplizierten Schritten oder Schnittmustern. Alles andere muss man selber wissen (und eigentlich weiss man, wenn man näht, wie ein Ärmel an ein Oberteil gesetzt wird, daher steht sowas nicht in der Anleitung. Da Nähen lernen für Mädchen und Frauen obligatorisch war, wurde ein gewisses Niveau einfach vorausgesetzt, so wie auch heute bestimmte Fachbegriffe oder Techniken nicht bei jedem Schnitt erklärt werden.).

Bild

Auf der technischen Zeichnung sieht man alle benötigten Teile und die wichtigsten Markierungen darauf, das hat sich in den letzten 90 Jahren nicht geändert.
Und, ähnlich wie bei Burda die Angabe "roter Schnitt auf Bogen B" findet man die verwendeten Linien für die einzelnen Schnittteile, denn verschiedene Farben gibt es nicht, dafür einen bunten Strauss kreativer Linienideen. Da man hier vor allem auf die Übersichtlichkeit achten musste, gibt es normalerweise verschiedene Linien für jedes Schnittteil und nicht eine pro Projekt. Bei der Schnittmusterübersicht ist daher sehr genau aufgeführt, welches Schnittteil welche Linie hat (das war bei diesem Schnitt ein Problem, da es bei meinen Schnittteilen direkt einen Druckfehler gab und ich nach den falschen Linien gesucht habe).

Was man auf der technischen Zeichnung ebenfalls sieht, sind zwei Dinge, die heute nicht mehr geläufig sind und beide hängen zusammen. Alte Schnittmusterbögen sind sehr viel kleiner, weshalb große Schnittteile nicht vollständig abgebildet werden können. Das löste man auf zwei Wegen: Gerade Strecken wie an Rockteilen die Seitennähte lässt man auf dem Bogen einfach ins Leere laufen, markiert durch einen Pfeil und eine Zahl, die die Zentimeter bis zum Saum angibt. Auf der technischen Zeichnung steht dann die Gesamtlänge des Schnittteils. In der Anleitung wird das Verkürzung genannt.

Bild

Das zweite sind eingeklappte Teile des Schnittmusters oder auseinandergenommene Schnittteile. In meinem Schnitt findet man beide Varianten. Zum einen gibt es die in der Zeichnung des Vorderteils sichtbare Linie AB, an welcher das Schnittteil "zerschnitten" ist, auf dem Bogen (und auch in der Teileübersicht) findet man daher zwei Schnittteile 19 (a und b), die an dieser Linie zusammengesetzt werden (auf dem Ausschnitt ist da leider kein Beispiel zu sehen, aber ich denke ihr kommt es euch vorstellen?). In der Anleitung wird das als "Durchschnittlinie bezeichnet. Das andere ist, dass ein Teil des Schnitteil "eingeklappt" wird (bei meinem Kleid, wie in der technischen Zeichnung zu sehen, die obere Rückenpartie, die Anleitung nennt das "Umschlag"). Das verwirrt vor allem deshalb, weil es eine unerwartete Form des abzupausenden Schnittteils zur Folge hat, zumal in diesem Linienchaos (im oberen Beispiel sieht man diese sehr spitze Form. Wenn man sich den Schnitt an der dünnen Linie gedanklich "aufklappt", wird daraus eine gerade Linie, verständlich?).
Genau diese Gemeinheiten sind es aber, auf die in der Anleitung explizit hingewiesen wird, wenn man also weiss, was mit den Begriffen gemeint ist, kann fast nichts schief gehen.

Zur "abweichenden Kontur" des Ärmels komme ich dann später, das wird nämlich hinterher erst wichtig. Aber ihr seht bereits, dass der Ärmel aus sehr viel mehr als nur Umrisslinien entsteht.
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Tenshi » 25. Aug 2016, 21:12

Das Zusammensetzen macht Burda auch heute noch manchmal - selten eigentlich, bei sehr langen Röcken und Kleidern, die nicht einfach nur verlängert werden. Das Umklappen hab ich aber noch nie gesehen, wie verwirrend! Sowieso finde ich das Linienchaos ziemlich heftig! :shock:

Wie kommt man überhaupt an Schnittmusterhefte aus den 20ern, vor allem, wenn die Familie als Quelle rausfällt? Meine Uroma war zwar Schneiderin, aber mein Opa hat irgendwann mal alles weggeschmissen, Nähmaschine, Schnittmuster, alles. :motz: :cry:
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Constanze » 26. Aug 2016, 21:28

Tenshi hat geschrieben:Das Zusammensetzen macht Burda auch heute noch manchmal - selten eigentlich, bei sehr langen Röcken und Kleidern, die nicht einfach nur verlängert werden. Das Umklappen hab ich aber noch nie gesehen, wie verwirrend! Sowieso finde ich das Linienchaos ziemlich heftig! :shock:
Einen zusammensetzbaren Schnitt hatte ich bisher noch nicht, aber ich habe auch noch keine großen Roben genäht (und wenn dann waren es Röcke ohne Schnittmuster, der NuS-Fishtail lässt grüssen :-) )
Ja, es ist nicht nur die Einfarbigkeit, sondern ich glaube auch, dass sie dichter gepackt sind als heutige Bögen. Die beiden Faktoren zusammen machen es einem wirklich nicht leicht. En détail komme ich dann im nächsten Post dazu, da versuche ich ein paar Tipps zu geben, wie man den Überblick behält. Aber noch habe ich die Bilder dazu nicht bearbeitet und so als Trockenübung ist das etwas schwierig, daher braucht das noch ein paar Tage.
Tenshi hat geschrieben:Wie kommt man überhaupt an Schnittmusterhefte aus den 20ern, vor allem, wenn die Familie als Quelle rausfällt? Meine Uroma war zwar Schneiderin, aber mein Opa hat irgendwann mal alles weggeschmissen, Nähmaschine, Schnittmuster, alles. :motz: :cry:
Achje wie ärgerlich, vor allem wenn man weiss, wie viel da war. :no: Von meiner Familie habe ich an alten Sachen sehr wenig und die vererbten Nähobjekte beschränken sich auf ein Stopfei meiner Großmutter und Schnittmuster aus den 90ern von meiner Mutter. Von daher: Beharrlichkeit und vielleicht auch ein wenig Standortvorteil. Ich bin so gut wie jeden Sonntag auf irgendeinem Trödel (ok, inzwischen ist es etwas weniger geworden, die Wohnung platzt langsam), wühle mich durch jeden Trödel- und Antikladen und so ziemlich jedes Antiquariat. So kommt einiges zusammen. Diesen konkreten Haufen an Bazar-Heften zauberte der Besitzer meines Lieblingsantiquariats aus seinem Lager hervor, als ich mal wieder eine Runde durch den Laden drehte und nach alten Zeitschriften fragte. Allerdings habe ich dafür auch ziemlich tief in die Tasche gegriffen, doch da das nun mal mein Hobby ist und solche Dinge im Wert eher steigen dürften (jetzt mal von den gehypten 50er-Jahre Vogue-Schnittmustern abgesehen, die momentan als Einzelschnitte für mehrere 100$ gehandelt werden), ist das für mich ok (bevor ich jetzt um den heissen Brei rede: für 15 Hefte habe ich 200 Franken, ca. 180€ gezahlt).

Standortvorteil deshalb, weil die Schweiz wenig Kriegsschäden hatte und dadurch sehr viel mehr Sachen aus der der Vorkriegszeit erhalten geblieben sind, dazu kommt, dass Bern als Regierungsstadt immer eher wohlhabend war, weshalb ebenfalls weniger verloren gegangen ist und man sich überhaupt mit so etwas wie Mode beschäftigte, im Gegensatz zu ländlichen Regionen oder Arbeiterstädten (später ändert sich das dann, in den 40er und 50er Jahren ist es dann ja normal, auch einfachere Kleider in den Zeitungen zu haben. Aber diese Schnitte scheinen mir doch eher ins bürgerliche Millieu zu passen).
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Re: Sommerkleid von 1925 - Das Schnittmuster verstehen

Beitragvon Constanze » 25. Sep 2016, 22:54

So, willkommen zurück. Ein wenig hat der Wind sich gelegt, der Bewerbungsstress war erfolgreich und den Vortrag habe ich Freitag gehalten. :jippieh:
Nach einer 11-stündigen Bahnodyssee bis ich dann Samstag morgen um 3:00 Uhr zuhause gewesen (Durch Verspätungen verursachter, endgültiger Reiseverlauf: Coburg-Lichtenfels-Nürnberg-Buchloe-Immenstadt-Oberstauffen-Lindau-Bregenz-St. Margreten-St. Gallen-Zürich-Bern-Nachtbus nach Hause, das sind 11x Umsteigen in 11 Stunden und drei Ländern :lol: )
Es bleibt die Projektarbeit bis Ende des Jahres sowie die Tatsache, dass sich durch den neuen Job meine Arbeitszeit um einen zusätzlichen Tag pro Woche erhöht. Aber ich möchte auch wieder ein wenig mehr nähen, also nehme ich mir die Zeit und tippe euch endlich den nächsten Post.

Das Schnittmuster übertragen

Die Schnittteile auf dem Bogen zu finden kann etwas schwierig sein. Zum einen weil man sich nicht an Farben orientieren kann, zum anderen weil man die einzelnen Nummern wirklich suchen muss. Bei manchen Vintage-Schnitten findet man die Nummern noch einmal am Rand aufgedruckt, dann weiss man zumindest, in welcher Region man suchen muss, hier ist das leider nicht der Fall.
Es hilft, wenn man weiss, wonach man sucht, sich also die Zeichnungen in der Beschreibung noch einmal anschaut.

Bild

Diese braucht man auch noch aus einem anderen Grund: Nur die dickgedruckten Linien sind mit den speziellen Strichen auf dem Bogen zu finden, Stoffbruchlinien, Besatzkanten und ähnliches sind dünne Linien.

Bild

In diesem Ausschnitt habe ich euch mit zwei Pfeilen ein paar Details markiert. Der obere Pfeil zeigt auf eine Nahtzahl von Schnittteil 21, dem Kragen (ich erwähnte im früheren Post, dass in dem Schnitt ein Fehler ist, die Linien von Kragen und Rücken sind vertauscht, der Kragen ist also das Schnittteil mit der durchgehenden, dicken Linie). Die Nahtzahlen gibt es an fast jeder Ecke und auch noch in modernen Schnittmustern. Aber je knapper die Anleitung und je unbekannter die Schnittteile, desto praktischer kann es sein zu wissen, welche Ecken wo aufeinandertreffen. 8-)
Aber ihr seht auch, dass diese Nahtzahl (43) an einer Ecke liegt, von welcher nur eine der Linien dick ist. Die andere ist die hintere Mitte, ihr könnt das Wort "Mitte" noch am linken Bildrand sehen, wenn ihr die Linie weiter verfolgt.

Und noch aus einem anderen Grund ist die kleine Zeichnung wertvoll: Sie zeigt, welche Linien zusätzlich im Schnitt zu finden sind. Durch das ganze Strichchaos kann man leicht ein paar Markierungen vergessen. Der untere Pfeil zeigt z.B. auf die dünne Linie "Angesetzte Blende". Da hilft es wirklich, sehr genau abzugleichen, welche Linien man suchen muss und wo sie in etwa liegen. Das Schnittteil zu welcher diese gehört ist Fig.22, die Zahl findet ihr rechts am Bildrand, dann könnt ihr die gepunktete Linie nachfahren und seht, dass wie in der Zeichnung die Umrisslinie parallel zu der Blendenlinie verläuft.
Manchmal scheitere ich übrigens auch an diesen Markierungen. Diese zwei Punkte an der Vorderkante von Teil 19 habe ich bis heute nicht gefunden.

So viel zur Theorie. Vielleicht sag ich noch schnell was zu alten Schnittbögen generell: Ganz egal ob aus den 20ern oder aus den 60ern, Schnittmuster sind generell nicht für jahrzehntelanges Überleben gemacht und haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel, wenn sie heute verwendet werden. Papier aus Kriegszeiten ist teilweise zudem von deutlich schlechterer Qualität, weshalb meine Bögen aus den 20ern besser aussehen als ihre 20 Jahre jüngeren Pendants. Das heisst die Bögen sind empfindlich und brechen leicht.
Auf keinen Fall sollte man so alte Bögen zu häufig aus- und einpacken, anders falten als sie gefaltet waren und nie durchradeln. Einige lassen sich die Schnittbögen im Copyshop kopieren, um die Originale nicht mehr benutzen zu müssen. Das ist zwar auch eine Belastung, denn helles Licht und altes Papier sind keine guten Freunde, aber es ist unter'm Strich sicher schonender, als sie durch regelmässigen Gebrauch kaputt zu machen. Allerdings gibt es viele Copyshops, die so grosse Vorlagen mit einem Einzugscanner kopieren, was ich mich nicht trauen würde, das würden viele Bögen wohl nicht überleben.
Ich persönlich habe mich dazu entschieden, die Originale weiter zu benutzen. Ich nähe nur für mich, weshalb ich den einzelnen Bogen nicht jeden Monat hervorhole, sondern alle Jubeljahre mal ein Projekt aus einer Zeitschrift verwirkliche. Dann gehe ich das wirklich so strukturiert an, dass ich den Bogen einmal ausbreite, alles abpause, die wichtigen Anleitungssachen einscanne und alles wieder brav zusammenfalte. Das ist auch nicht mehr Belastung als das Einscannen, denn der einzelne Bogen wird auch nicht regelmässig beansprucht.
Wie ich gerade sagte, sollte man solche alten Schnitte nicht ausradeln. Das macht sie nur noch fragiler und kaputter. Ich benutzte zum Durchpausen meist Seidenpapier, man kann aber auch gut die Kopierfolie von Burda nehmen. Von Kopierpapier würde ich ebenso abraten, weil man dann auch direkt auf dem alten Bogen die Linien nachfahren muss, beim Durchpausen liegt ja etwas dazwischen. Dafür nehme ich meistens Bleistift. Das ist aber eine Berufskrankheit, denn in meinem Job hat auf altem Papier oder in dessen Nähe nichts anderes etwas zu suchen als Bleistifte, denn ein Kulistrich lässt sich nicht mehr so einfach entfernen.

Am Ende überträgt man also:
- die Umrisslinien
- alle Nahtzahlen
- alle anderen Linien, die die Schnittübersicht angibt (so man sie denn findet)
- alle Verlängerungs- oder Zusammensetzmarkierungen

Das sieht dann am Ende so aus:

Bild

Da mein Papier gross genug war, habe ich das Teil 19 direkt zusammensetzen können, ohne zwei Teile auszuschneiden. Wie ihr seht, habe ich die eingeklappten Teile so übertragen. Das kann man auch anders machen, aber ich möchte immer schnellstmöglich den alten Schnitt wieder zusammenfalten und den Rest auf Seidenpapier machen, deshalb kommt das dann in einem späteren Arbeitsschritt.
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Re: Sommer 1925 - Maigrün und kleinkariert

Beitragvon Morag vom Rabenholz » 26. Sep 2016, 09:07

T. T. Kreischwurst hat geschrieben:Ohja, bitte ausführlich! Das ist so dermaßen gruselig, dass ich das ganz genau wissen will :mrgreen: .
Genau das. Wie ein Krimi oder ein Psychothriller *Lieblingssorgenfresserumklammerndweiterzuschau*
Zuletzt geändert von Morag vom Rabenholz am 26. Sep 2016, 09:25, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Sommerkleid von 1925 - Das Schnittmuster übertragen

Beitragvon Tenshi » 26. Sep 2016, 09:23

Psychothriller trifft's echt gut!
Respekt, dass du auf dem Bogen die Übersicht behältst. Burda ist ja wirklich simpel dagegen.
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~ Ende - Nocte Obducta ~

Unbowed, unbent, unbroken - Cosplay?

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Animus
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Re: Sommerkleid von 1925 - Das Schnittmuster übertragen

Beitragvon Animus » 26. Sep 2016, 21:39

Ah, yess, eine ausführliche Anleitung! Ich hab hier (geerbte) Schnitte aus den 50er und 60ern, kein Vergleich, aber das ist trotzdem super hilfreich!!!
Die Burda hat bei mir schon des öfteren Verlängerungen ohne Vorlage angedreht. Ich bin recht groß, da passt der bodenlange Rock dann net mehr auf den Bogen... außerdem kenn ich das von den historischen Schnittmustern von z.B. Rocking Horse Farm. Da hat man oft nur oben den Rockverlauf und muss nach unten verlängern. Aber eingeklappt? Ich blicks nicht....

Off-Topic: Glückwunsch zu deiner 11h-Reise. Da war doch die Deutsche Bahn dran beteiligt, näch? *seufz*


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