Wenn ich das gewusst hätte…

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Cthulhus Schneider
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Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon Cthulhus Schneider » 18. Sep 2022, 22:32

Hallo Nähkromatinnen/*en,

Ich habe einen neuen Job und aus wachsendem Interesse an meinem neuen Berufsfeld und einer in mir aufkeimenden Idee, möchte ich mich mit dem Nähen beschäftigen. Zudem hab ich die alte Nähmaschine meiner Oma abgestaubt und möchte mich gerne daransetzen, mir einen eigenen Rucksack zu nähen. Mein eigener nun etwas zerschlissener reißt langsam die beine hoch (kaputter Reißverschluss, hier und da etwas angerissen, wasserfest ist er auch schon lange nicht mehr, aber damn ich würde ihn nochmal genauso nehmen…) und da ich quasi an Nähmaterial jetzt leicht rankomme, hoffe ich bei Euch mit meinen ersten krabbelversuche Unterstützung zu bekommen.

Ich bin jetzt ein paar Stunden durch Euer herrliches Forum geschlendert und habe mich viel in den „Hilfe Threads“ umgeschaut, allerdings noch keinen gefunden, der so einem blutigen Anfänger wie mir mal aufzeigt, was ich für den Start alles so brauche, bzw. was so typische Anfängerstolpersteine sind, die ich durch Euren Rat bereits umgehen kann.

Mich würde auch interessieren, was euch derzeit zum schreien, tanzen, heulen, lachen-vor-Freude/-Wahnsinn bringt?:)

Ich hoffe auf viel Wissen und bedanke mich bereits jetzt.

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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon AlphaOmega » 19. Sep 2022, 09:03

Hallo und herzlich willkommen,
wenn ich mich an meine ersten Nähversuche erinnere, dann fallen mir spontan folgende Dinge ein, die mich zum schreien gebracht haben:

- falsches Material: Die Nähmaschine muss ordentlich funktionieren und das Garn darf nicht zu alt und porös sein. Nutze auf alle Fälle ordentliche Nadeln. Zwischen billig und Marke gibt es gewaltige Qualitätsunterschiede. Nichts ist nerviger, als wenn das Equipment nichts taugt.

- falscher Arbeitsplatz: achte auf ordentliche Beleuchtung, bequeme Sitzposition und genügend Platz. Ein Esstisch mit einem Bürostuhl sollte taugen, der Couchtisch mit einem Kissen auf dem Boden taugt mir beispielsweise nicht.

- Hektik: lass dir Zeit! Plane im Vorfeld ordentlich was du machen möchtest und welche Schritte nacheinander zu tun sind.
gut gebügelt ist halb genäht, gut gesteckt / geheftet macht auch viel aus!

Aller Anfang ist ... naja, vielleicht nicht schwer aber zumindest nicht zu unterschätzen! Probier dich erstmal an simplen Materialien und einfachen Schnitten aus, dann wird das schon!

Viel Spaß beim Nähen und ich freue mich auf die ersten Ergebnisse.
You can't eat the cake and have the cake.

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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon Coke » 19. Sep 2022, 10:18

So spontan fällt mir noch die Nahtzugabe ein:

1. Genug Nahtzugabe zu geben. 0,5cm ohne Overlock sind zu wenig, musste ich auch erst lernen.
2. Nahtzugaben sauber mit Maßband/Handmaß zuschneiden, wenn sie nicht schon im Schnittmuster mit drin ist. Ansonsten musst du nachher alle(!) äußeren Nahtlinien übertragen und steckst dir einen Ast vor dem eigentlichen Nähen.
Ü ist ein unfreundlicher Buchstabe

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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon KimKong » 19. Sep 2022, 12:11

Mit einfachen Projekten anfangen.
Also zb an kleinen Teilen wie zb Kosmetik - oder Stiftetaschen Reißverschluss einnähen üben, etc.
Gerade Nähte üben, das Stichbild deiner Maschine kennen lernen, mit verschiedenen Stoffen/ mehreren Lagen/ Nadeln probieren, bis du ein schönes Stichbild von beiden Seiten hast.

YouTube / Google ist dein Freund - für fast alles hat schon Mal jemand eine gute Erklärung geschrieben oder ein Foto/ Video Tutorial erstellt :)

Und: was auch immer du zum Anzeichnen verwendest (Schneiderkreide, dünnes Stück Seife, Filzstifte, die sich Rausbügeln lassen...): An einer unauffälligen Stelle testen, ob du es wirklich wieder aus den Stoff kriegst. Sonst sehr ärgerlich.

Je nach Stoff ( wenn du zb mit beschichtetem Material oder Leder arbeitest) keine Stecknadeln benutzen, sondern Klammern (Foldback klammern zb)

Gerade ein Rucksack würde ich nicht unbedingt als Einsteiger Projekt empfehlen: spezielles Material, Verstärkung/Versteifung, Dickstellen(wo dicker Stoff mehrfach liegt), Gurtband (mehrfach gelegt nicht für jede Maschine machbar, kann Streik oder Fadensalat erzeugen), und generell ziemlich fummelige Stellen, Reißverschluss etc.
Wenn du dich nach dem üben sicher genug fühlst, an einen Rucksack ran zu gehen, würde ich ein sehr ausführlichees Schnittmuster, am besten incl Video Tutorial kaufen - da nicht an der falschen Stelle sparen.
The Wheel of time turns, and Ages come and pass, leaving memories that become legend. Legend fades to myth, and even myth is long forgotten when the Age that gave it birth comes again. In one Age, called the Third Age by some, an Age yet to come, an Age long past, a wind rose in the Mountains of Mist... RIP Robert Jordan

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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon mischa » 19. Sep 2022, 16:43

Du solltest dir am Anfang wenigstens ein gutes Grundlagenbuch kaufen, wo die wichtigsten Sachen gebündelt drinstehen. Oder aus der Stadtbibliothek leihen, die haben fast immer ein paar Nähbücher im Programm. Foren, Youtube und Blogs sind dann eine schöne Ergänzung, besonders wenn es um sehr spezielle Techniken und Projekte geht.

Hm, Rucksack. Unmöglich ist das vermutlich nicht, aber wirklich schon extrem ambitioniert am Anfang. Würde ich ehrlich gesagt nur probieren, wenn du jemanden als Hilfe vor Ort hast, der dir helfen kann. Das Material hat nämlich einige Tücken und ist auch nicht billig, und es sind auch etliche sehr unterschiedliche Arbeitsschritte.

Am wichtigsten ist eine extrem hohe Frustrationstoleranz am Anfang. Es ist völlig normal, das alles unfassbar anstrengend und zeitintensiv ist, sehr viel Dreck produziert, und am Ende trotzdem gar nicht mal so gut aussieht. Das wird alles mit der Zeit besser und einfacher, aber durch die fürchterliche Anfangsphase muss halt jeder durch :lol:
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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon Priscylla » 19. Sep 2022, 17:14

Ne nach Rucksack ist das ein ideales Anfängerprojekt: es gibt diese einfachen Dinger, die nur aus einem gefalteten Stück Stoff bestehen, unten und an der Seite zunähen und oben ein Tunnel. Dann den Tunnel auf der anderen Seite noch öffnen, zwei Kordeln durch und deren Enden an den Ecken der Unterseite festnähen. Sowas hatte ich als Kind für den Sportunterricht und der war eines meiner ersten Nahprojekte.

Wenn es ein Rucksack mit zig Innentaschen und diversen Reißverschlüssen sein soll, ggf mit Lederboden (zum Abstellen auch bei nassem Wetter) und idealerweise auch noch wasserdicht, ausfrans-sicher und dann sollte jede Naht sitzen? Puh, da traue ich mich nicht dran (und ich bin seit 30 Jahren mal mehr, mal minder Näh-aktiv als Laie). Da weiß ich, dass ich mehrere Anläufe bräuchte und dann auch extrem gefrustet wäre.
Gerade Reißverschlüsse einsetzen muss geübt sein.

Meiner Meinung nach braucht man keine Bücher, um Nähen zu lernen. Ich habe es auch ohne geschafft. Ich finde im Netz gibt es an Videos und bebilderten Anleitungen sehr viele schöne Sachen. Und nur dann, wenn man gewisse Fehler gemacht hat, wird man sie in Zukunft vermeiden: man weiß ja dann, wie teuer mancher Fehler ist.

Was mich als erstes angesprungen hat in deiner Beschreibung: Omas Nähmaschine abgestaubt... Hier der Tipp: Wenn es eine gute Maschine ist, dann bring sie zu einem Nähmaschinen-Mechaniker zur Wartung. Flusen aus den Tiefen des Gehäuses entfernen, die Mechanik ölen und brüchige/marode Kleinteile austauschen ist eine Sache, die da gemacht wird. Danach hast du viel mehr Spaß mit der Maschine!
Zum Vergleich: wenn man ein 30 Jahre lang nicht genutztes und gepflegtes Auto findet und es ohne Wartung fährt, ist das Fahrvergnügen nicht besonders doll. Und wenn man dann auch noch Fahranfänger ist und dann denkt, das Autofahren immer so kompliziert ist, dann lässt man es bleiben.

Wenn du dir ein Projekt vornimmst, kannst du auch ein WIP aufmachen und da dann die Fragen stellen, die sich ergeben. Der WIP Bereich ist ja auch für Fragen zu den einzelnen Projekten da :)

Und was man sonst noch so braucht: eine gute Schere, die man ausschließlich für Stoff nutzt, ein Bügelbrett und -Eisen (gut gebügelt ist halb genäht! Auch bei Zwischenschritten), gutes Garn (wurde ja schon angesprochen), gute Nerven und auch immer wieder einen Taschenrechner 8-)
mischa hat geschrieben:
19. Sep 2022, 16:43
Am wichtigsten ist eine extrem hohe Frustrationstoleranz am Anfang. Es ist völlig normal, das alles unfassbar anstrengend und zeitintensiv ist, sehr viel Dreck produziert, und am Ende trotzdem gar nicht mal so gut aussieht. Das wird alles mit der Zeit besser und einfacher, aber durch die fürchterliche Anfangsphase muss halt jeder durch :lol:
Und das ist leider wirklich wahr!
Aber: Das Hobby ist toll und auch wenn man immer wieder an seine Grenzen stößt: nicht aufgeben!
Gerade wenn man ein Problem nicht auf Anhieb oder nach zwei-drei Versuchen gelöst bekommt - eine Nacht drüber schlafen bringt da viel! Sachen auf Seite legen, der Kopf arbeitet an dem Problem weiter und dann gibt es diesen wundervollen "mir geht ein Licht auf" Moment!
D'DEW!!!

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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon Hana » 5. Okt 2022, 12:43

Einer der wichtigsten Tipps: Genau an die Stoffempfehlung für den Schnitt halten. Die größten Näh-Flops hatte ich immer, wenn ich nicht genau geschaut habe, für was für Stoffe der Schnitt erstellt wurde (elastisch/unelastisch, wie steif oder fließend der Stoff fallen soll, Dicke/Stoffgewicht des empfohlenen Stoffes), oder mit gedacht habe "Passt scho". Tat es fast nie, in den meisten Fällen sah das Ergebnis einfach nicht gut aus.

Außerdem: Je sorgfältiger man arbeitet, desto besser das Ergebnis. Und wenn man sich überlegt "Hmmm, ist das wirklich okay, oder sollte ich die Stelle nochmal auftrennen?" IMMER fürs "nochmal auftrennen und neu machen" entscheiden :lol:

Und: Bügeln. Jede Naht, jeden Pups ordentlich bügeln während des Nähprozesses, so irgend möglich. Nervig, zwischendurch ständig das Bügeleisen einschalten zu müssen für 2 kurze Nähte, an die man später nicht mehr rankommt - aber man sieht, wenn es NICHT gemacht wurde.
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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon kewa » 7. Okt 2022, 11:05

Ich kann nur empfehlen, grade bei alten Maschinen (habe auch so ein altes Schätzeken),
immer nur teure Nadeln zu verwenden.

Meine schrottet in null komme nix Billige Nadeln, die kann ich regelrecht verheizen mit ihr.
Mit den Garnen ist es ebenso, nur teures Material schmeckt ihr.
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Re: Wenn ich das gewusst hätte…

Beitragvon Luthya » 20. Okt 2022, 12:46

Zwei recht neue Erkenntnisse, die für mich ein großes Aha war:
Es gibt verschiedene Arten, wie man das Schnittmuster auf den Stoff aufträgt:
1. Schnittmuster mit oder ohne Nahtzugabe. und die jeweils andere Linie wird dann nachgetragen. Beides hat vor und Nachteile und es lohnt sich, verschiedene Methoden mal auszuprobieren um zu gucken, welche einem mehr liegt.

2. Es gibt verschiedene Methoden/Utensilien um sowohl den Schnitt zu kopieren, als auch um den Schnitt auf Stoff zu bringen: Kopierrädchen, Nadeln, Kreide, Stifte, Seidenpapier, Backpapier, Klarfolie. Es lohnt sich auch hier, verschiedene Methoden auszuprobieren um zu merken, was einem liegt. Schnitt übertragen fand ich sonst suuuper doof. Seit ich mit Klarfolie und Stiften arbeite -und auch hautsächlich mit Stift die Linien auf den Stoff aufmale- macht mir der Prozess soooo unfassbar viel mehr spaß als vorher und ich bin viel präziser, als vorher (wo ich mit Kopierrädchen und Stecknadeln gearbeitet habe).

Und noch ein wichtiger "lesson learned" punkt:
Nach jedem Schritt bügeln und lose Fäden abschneiden. Nicht alles am Ende gesammelt machen. Das macht einen unfassbar großen unterschied
Ich verlasse mich auf meine Sinne - Irrsinn, Wahnsinn, Blödsinn.


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