#FrauenLesen! -- Ein Stick- und Lese-WIP: Power (Verena Güntner)

Zur Dokumentation von laufenden Projekten. Zeigt her in Wort und Bild, was ihr gerade näht oder bastelt.

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aprilnärrin
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Re: #FrauenLesen! -- Ein Stick- und Lese-WIP: Power (Verena Güntner)

Beitrag von aprilnärrin »

Kennt ihr das? Ihr arbeitet total enthusiastisch und ein bisschen manisch an der Umsetzung eines Projektes und sobald es dann in einen Zustand der Routine übergehen soll, geht irgendwas kaputt und ihr lasst es wie eine heiße Kartoffel in Alufolie aus dem Lagerfeuer fallen? Das ist mir irgendwie passiert. Das ganze ein wenig kombiniert mit einem depressiven Schub und der allgemeinen Überforderung mit einer Welt im Zustand der Pandemie, der von Chaos über Routine zu Verdrängung führte? Nun. Ich habe jetzt 3 Wochen mit mir und meinem Kopf gekämpft und heute bin ich endlich etwas weiter durchgedrungen und konnte den Text zu Power zu Ende schreiben. Gestickt hatte ich schon längst.

Und weil das WIP hier immer noch ein wenig mein Sandkasten ist, wo ich mich austeste, werde ich den Text jetzt zunächst hier veröffentlichen. Schreibt gerne Lob oder Kritik dazu, vermutlich werde ich vor der Veröffentlichung auf dem Blog nochmal drüberbügeln. :wink:
Einziges Ziel: wenigstens im Juli soll das noch veröffentlicht werden. Dann hat der Juli immerhin einen Eintrag. Bei Rückschlägen kann es ja helfen die Ziele kleiner zu stecken.

Zur Stickerei:
Rückstick, 3reihig und versetzt nebeneinander: für Flächen geeignet
Farbe: Grün 700

Bild

Power von Verena Güntner

Ein Dorf im Sommer, ein verschwundener Hund und ein Mädchen mit einem Auftrag. Kerze ist 11 Jahre alt und weiß was sie kann und will. Gemeinsam mit ihrer alleinerziehenden Mutter lebt sie in einem Dorf. Jedes Dorfkind könnte dieses Dorf kennen, denn es ist dort alles genau so, wie das Klischee es möchte. Bis ein ungehöriges Ereignis eintritt: Power, der Hund der alten Frau Hitschke – die immer nur als "die Hitschke" bezeichnet wird – ist verschwunden und Kerze nimmt den Auftrag an, ihn zu finden und zurückzubringen. Sie weiß, dass sie das wird, denn sie hat es versprochen und was sie verspricht, das hält sie. Immer.

Ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass der verschwundene Hund gefunden wird. Und zwar tot.

Die Frage ist daher von Anfang an nicht, wie Power zurückkommt. Die Frage ist, worum es wirklich geht. Während Kerze sich zunächst allein auf die Suche macht, lernen wir das Dorf und vor allem die Menschen in diesem Dorf kennen. Ihre Beziehungen zueinander, ihre Konflikte untereinander. Und auch, dass es in diesem Dorf nicht selten vorkommt, dass jemand, ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwindet. Und so rollen sich in den folgenden Kapiteln die Geschichten der Menschen dieser Dorfgemeinschaft aus. Wir, die Leser*innen, lernen Teile der Vergangenheit kennen und die Figuren über ihr Handeln im Jetzt. Die Kinder spalten sich immer mehr von der Welt der Erwachsenen ab. Oder, wie man vielleicht auch vermuten könnte, nutzen das Desinteresse der Erwachsenen, um ihren eigenen Weg zu gehen.

Angeführt von Kerze begeben sich nach und nach alle Kinder auf die Suche nach Power und folgen schließlich bedingungslos den Anweisungen von Kerze. Kerze weiß alles, Kerze gibt den Ton an; sie hat die Deutungshoheit über die Welt um sich herum. Was sich nicht zuletzt in Aussagen wie "Du kannst mich auch Gott nennen, wenn Dir das hilft." äußert. Mit strenger Härte führt sie die Kinder an und versucht sich dem verschwundenen Hund anzunähern. Nicht so sehr im Räumlichen, sondern vielmehr im Denken und Verhalten. Die Eltern werden, je bestimmter die Kinder ihr Ziel verfolgen, immer hilfloser. Plötzlich gehorchen ihre Kinder nicht mehr und fangen an zu bellen und zu beißen. Für die Kinder gibt es wiederum ein Ziel, auf das sie zusteuern. Und die Eltern bleiben offenbar gebrochen zurück, weil sie es nicht schaffen sich dieser Situation anzunehmen. Plötzlich funktioniert ihr Alltag nicht mehr, ihre Routinen und ihre Strukturen brechen zusammen. Und weil ihre Kinder nicht schuldig sein können, suchen und finden sie andere Schuldige. So keimen die Konflikte im Dorf auf, die alle säuberlich unter einem Deckmantel der gegenseitigen Ignoranz geruht haben. Die Hilflosigkeit und die Paralyse der Erwachsenen ist beeindruckend. Und über alles legt sich eine scheinbar unnatürliche Hitze und Trockenheit. Der letzte Regen ist Wochen her, die Menschen und die Felder leiden. Es kristallisiert sich heraus, dass etwas geschehen muss, damit der Regen wiederkehrt.

Ich könnte hier mit einigen der besten Phrasen aus Rezensionen um mich werfen: "Millieustudie", "starker Roman", "auf verstörende Weise", "Welten prallen aufeinander", etc. Und während all das sogar stimmt, ist es doch so langweilig nicht. Es ist sogar ein wenig magisch. Verena Güntner erzeugt in diesem Roman eine wunderbare Atmosphäre in der sie Möglichkeitsräume schafft und in der sie ein wenig die Logik aushebeln kann. Die Mischung aus einer realistisch konstruierten Welt und den abgehobenen, fast magischen Elementen, die durch das Denken und Handeln der Figuren dazukommen, finde ich sehr gelungen. Es kommen Vögel als Boten vor, das unnatürliche Wetter, es kommt eine Krone vor und es geht um Leben und Tod.

Ob es eine Parabel ist, wie der Klappentext verspricht, sei dahingestellt. Auch ob es ein Märchen ist, will ich hier nicht festlegen. Was es in jedem Fall ist: ein Roman mit einer Perspektive auf die Welt und die Realität, die wir schaffen, die Verbindungen zulässt, die nicht abgeklärt von einer einzigen Wahrheit ausgeht.


Verena Güntner: POWER. Roman. 249 Seiten. Erschienen 2020 bei DuMon in Köln. ISBN: 9783832183691.

Bild

Wie ihr sehen könnt, habe ich mit diesem Namen dann auch die Rückseite eröffnet, um alles harmonisch rundherum um den Beutel verteilen zu können. :)
Grüße von der aprilnärrin

"Wozu Humor, wo kein Versagen droht? Menschliche Unvollkommenheit - das ist mein Leben. Unmenschliche Vollkommenheit - mein Tod."
(Michael Ende, Das Gauklermärchen)

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Solanaceae
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Re: #FrauenLesen! -- Ein Stick- und Lese-WIP: Power (Verena Güntner)

Beitrag von Solanaceae »

Hey, der Text ist doch gut so!
Ich kenne es auch ein bisschen, ich hab mir auch anfangs immer wieder vorgenommen regelmäßig zu posten, Rezensionen und später Monatszusammenfassungen (als neue Rubrik, die kurz „Gelesenes“ und auch andere Themen wie Achtsamkeit und Dankbarkeit und meine Podcastempfehlungen des Monats beinhalten sollten), da ich es nicht mal geschafft habe, einmal im Monat zu rezensieren. Habe mir einen Online-Fotographie-Kurs für Instagram gekauft, um den Feed zu gestalten für den Blog. Und dann hab ich nach einer Weile nicht mal mehr den Monatsbeitrag geschafft - voller Alltag, Belastungen und auch ein Stück weit Depressionen. Der Instagram-Kurs ist noch nicht mal angefangen.Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, zu akzeptieren, dass ich es momentan nicht hinbekomme regelmässig zu schreiben oder Rubriken zu „erfüllen“. Der Instagram- Feed bleibt weiterhin farblich uneinheitlich. Ich poste eben dann, wenn mein Herz bei einem Buch denkt, hier mag ich was schreiben, ansonsten lass ich es. Und ich mische Beiträge nun. Wenn ich eine zum Buch passende Podcsstfolge habe, kommt die direkt in die Rezension, wenn ich Lust auf einen Random-Beitrag zu Achtsamkeit oder so habe, kommt der, sonst eben nicht. Es ist ein Hobby und es darf Freude machen, ganz ohne Druck...
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