Nähen durch die Jahrzehnte - die 1900er, S. 6

Zur Dokumentation von laufenden Projekten. Zeigt her in Wort und Bild, was ihr gerade näht oder bastelt.

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Constanze
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Constanze » 5. Mai 2024, 10:42

2010er:
Projekt: Wickelrock
Schnitt: CUT Schnittbogen
Datierung: Sommer 2013
Stoffe: Türkis-weiss gestreiftes Viskose- oder Baumwollgewebe
Musik: Jahres Nr. 1 war «Wake me up» von Avicii feat. Aloe Blacc. Bei den alternativen Veröffentlichungen reisst mich gerade nichts wirklich mit, daher belasse ich es dabei.

So, dehnen wir das Ganze hier mal in die jüngere Vergangenheit aus. Es soll ja vorkommen, dass auch ich zeitgenössische Schnitte kaufe. :mrgreen: In den 2010er war ich eine große Freundin der Nähzeitschrift CUT. Neben drei Schnittmustern mit ausführlicher Bildanleitung gab es immer eine weitere DIY-Themenstrecke mit mehr oder weniger ausführlichen und durchdachten Anleitungen sowie Kreativreportagen, Designer*inneninterviews, Kunst und Künstlerisches, Mode etc. Ich mochte die Zeitschrift sehr, eben weil der Stil eher in Richtung zeitgenössisches Modedesign (allerdings mit starker Tendenz zu Hipster-Mode) ging, Burda war doch deutlich traditioneller und holte mich weniger ab. Nach ein paar Jahren wurde die Zeitschrift leider wieder eingestellt.



Den Schnitt habe ich ausgewählt, weil ich einerseits lange Röcke für den Alltag liebe und andererseits viele Meter dieses recht dünnen (wohl Viskose-)Gewebes habe und mir deshalb der hohe Stoffverbrauch nichts ausmachte. Die Vorlage sah einen durchsichtigen Stoff als Oberstoff und einen blickdichten als Futter vor. Mein Stoff war so semi-blickdicht, für eine Bluse vielleicht genug, aber nicht für einen Rock. Also verarbeitete ich noch einen Rest Futterstoff. Von dem war aber nicht so viel da, weshalb er nur bis etwa zur Hälfte des Rocks geht, aber das reicht ja.


Hier sieht man sehr gut, wie der Rock schwingt und auch, bis wohin das Futter geht.

Der Schnitt ist eigentlich nur ein Fast-Halbkreis mit Bund, der dann mit zwei Knöpfen überlappend geschlossen wird. Ich fand das ja attraktiv, es klang so einfach. Warum auch immer ist der Halbkreis aber aus drei Segmenten zusammengesetzt, wahrscheinlich um ein ungleichmässiges Aushängen zu vermeiden, wie es bei einem Halbkreis ohne Nähte zu erwarten wäre. Kam mir aber sogar entgegen, da mein Stoff gestreift ist und ich die Optik mit den vertikalen Streifen schöner fand. :yes:
Nun ja, ein ekliger langer Saum (die Vorlage wurde nicht einmal gesäumt, sondern durfte ausfransen), ein Bund, zwei gerade Kanten, klingt nach einer schnellen Sache. Ich habe nichts gegen schwierige Schnitte. Aber was ich wirklich nicht mag sind Schnitte, die einfach tun und dann doch Arschlöcher sind. Zwei gerade, 1m lange Kanten in einem dünnen Stoff im schrägen Fadenlauf nähen ist …scheiße. :no: Habe ich natürlich nicht dran gedacht und die Kanten schon bei Bügeln und dann beim Nähen noch mehr überdehnt. Die innere Kante war mir dann egal, da habe ich die Mehrlänge einfach beim Säumen abgeschnitten, soll sie sich doch wellen. Die äussere habe ich noch einmal komplett geöffnet, neu gebügelt, brav geheftet und dann noch einmal genäht. Ich habe die beiden Lagen nicht getrennt verarbeitet, sondern die Kante des Futters einfach unter die umgeschlagene Kante des Oberstoffs gesteckt und so festgenäht.


Einmal freie Sicht auf mein Bein, man kann sich hoffentlich vorstellen, wie ein so geringer Übertritt sich im Alltag verhält (s.u.). Und ebenfalls freie Sicht auf die überdehnte Kante innen, die ich nicht mehr korrigiert habe.

War es die Mühe des Auftrennens und im schrägen Fadenlauf Nähens wert? Eher nicht, aus zwei Gründen. Erstens hat es durchaus Gründe, dass ich aus diesem Stoff nie etwas genäht habe. Irgendwie ist er nicht ganz schlimm, aber andererseits…ich weiss nicht. Meinen Partner erinnert er an Supermarkt- oder Fleischereikittel, irgendwie hat er einen Punkt. Zweitens kann ich überhaupt nicht mit Röcken, die ich beim Gehen festhalten muss, damit ich nicht nackt dastehe (bzw. generell kann ich nicht mit Kleidung, die ich ständig wieder zurechtzuppeln muss). Die Überlappung reicht zwar, um normal laufen zu können, aber bei einem Windstoß oder einer falschen Bewegung wird er dann doch sehr freizügig und zudem sieht man das nur halbhohe Futter. Auch hinsetzen muss geplant werden, sonst rutscht einem die unten liegende Seite auf den Sitz und man hat freie Sicht auf den Oberschenkel.


Hier sieht man ganz gut, wie durchscheinend der Oberstoff im Gegenlicht ist und warum ein Futter doch notwendig war.

Ich werde ihm im Sommer vielleicht noch einmal eine Chance im Schwimmbad geben. Über einem Badeanzug getragen fände ich das aufspringen nicht so schlimm (wobei dann noch das Problem mit dem Futter wäre, das ja bei mir offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war), angezogen im Alltag hingegen nervt es mich sehr. Im Übrigen habe ich quasi nichts, das ich mit dem Rock kombinieren kann, lustigerweise fand ich da so ein T-Shirt, dessen Druck farblich exakt passte und mir erlaubte, schwarze Schuhe dazu zu kombinieren. :mrgreen:


Und zum Finale ein "normales" Foto. Leider war mein Gesichtsausdruck auf dem so bescheuert, dass ich das nicht im Netz sehen wollte, selbst hier nicht. :oops: Aber die digitale Ergänzung drückt meine Meinung zu dem Projekt ganz gut aus. :|
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Sisu » 5. Mai 2024, 17:47

Aber der Rock fällt sehr schön!

- Vielleicht braucht er einen kleinen, unauffälligen Druckknopf oder ähnliches an strategischer Stelle, damit er nicht ganz so hoch aufklaffen kann? (Mir wäre er tatsächlich auch viel zu "luftig".)

- Für weniger Fleischerei-Outfit: Eine breite Bordüre/ Ranken /geometrische Muster (in Schwarz) stenciln oder den Stoff bedrucken.
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Bluemoon » 5. Mai 2024, 19:25

Jo, der Schwung und die Ruhe-Form sind toll!

Ich hab keine Fleischerei-assoziation, finde den Stoff eher Pfefferminzbonbon-mässig. :mrgreen:
Wegen des Aufklaffens würde ich ihn stumpf bis Minirocklänge zu næhen, sozusagen Wickelrock-fake. Dabei vmtl einen NahtRV, damit man noch rein&rauskommt. :gruebel:
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Thalliana » 6. Mai 2024, 07:55

Ich bin da auch eher bei Pfefferminzbonbon als in der Fleischerei :mrgreen: . Finde den Rock auch sehr schön, der fällt toll, kann aber durchaus verstehen, dass er dich im Alltag nervt. Vielleicht kannst du wirklich mal ausprobieren, ob du an einer Stelle einen Druckknopf anbringen kannst, so dass der Rock nicht mehr so aufspringt, sich aber trotzdem nicht komisch zusammenbauscht, wenn du dich hinsetzt.
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Zetesa » 7. Mai 2024, 09:07

Ich seh die Kittelassoziation, denke aber auch, dass eine Applikation das ändern könnte, wobei ich eher mit weiß arbeiten würde als mit schwarz.
Und der Drucknopfvariante würde ich auch eine Chance geben, wobei ich vermutlich eher mehrere nehemn würde.
Weil der Fall wirklich schön ist, aber der Rock so echt nicht alltagstauglich.
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über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Marzi Panik » 7. Mai 2024, 15:40

OmG, den Stoff kenne ich! :kicher:
Hatten wir damit nicht mal etwas anderes geplant? Den haben wir doch super günstig in der einen Brocki in der Länggass gefunden, oder nicht? :D Ich meine, das war ziemlich viel und wir haben den dann aufgeteilt? Schön, dass er jetzt endlich mal vernäht wurde (oder zumindest teilweise) :mrgreen:

Ich finde, der Rock fällt sehr schön - und für den Sommer finde ich ihn auch nicht zu durchscheinend. Aber es ist definitiv ein Sommerrock.

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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Morathi » 8. Mai 2024, 06:38

Der ist viel zu bonbon-ig um ein Metzgerrock zu sein und das Shirt passt ja perfekt :kicher:
Wenn er für den Alltag zu freizügig ist, kann ich ihn mir auch echt gut als Strandrock vorstellen. Der Schwung und die Leichtigkeit sind ja wirklich traumhaft. Das mit den Druckknöpfen könnte auch gehen, aber wahrscheinlich braucht man schon mehrere, damit sich das beim Sitzen dann nicht komisch beult. Aber man kann ja mit einem auf der gewünschten Höhe anfangen und dann weitere setzen falls nötig.
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Constanze » 11. Mai 2024, 16:33

Vielen Dank für eure zahlreichen Antworten, ihr mögt den Rock ja fast lieber als ich. :lol: Die Idee mit den Druckknöpfen oder dem Zunähen werde ich mal weiterverfolgen. :gruebel: Bin nicht sicher, ob das unauffällig klappt, weil ich ja den richtigen Winkel zum Schliessen treffen muss, dass es gut aussieht. Aber es würde zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn ich den Rock vom Futtersaum bis irgendwo auf Hüfthöhe verschliessbar mache, dann wäre das Futter nämlich auch gut versteckt beim Laufen. :yes:

Ob ich noch Applikationen oder Deko ergänze, werde ich dann danach entscheiden, je nachdem wie ich mich darin fühle.
Marzi Panik hat geschrieben:
7. Mai 2024, 15:40
OmG, den Stoff kenne ich! :kicher:
Hatten wir damit nicht mal etwas anderes geplant? Den haben wir doch super günstig in der einen Brocki in der Länggass gefunden, oder nicht? :D Ich meine, das war ziemlich viel und wir haben den dann aufgeteilt? Schön, dass er jetzt endlich mal vernäht wurde (oder zumindest teilweise) :mrgreen:

Ich finde, der Rock fällt sehr schön - und für den Sommer finde ich ihn auch nicht zu durchscheinend. Aber es ist definitiv ein Sommerrock.
Ja, ich glaube da war mal was. :D Wenn ich mich recht entsinne, wollten wir daraus zwei Turnürenkleider nähen, aber das wäre angesichts der "Dünne" völlig unpassend gewesen, wenn ich mir den Stoff so ansehe. Zudem werde ich das wohl mein Lebtag nicht mehr realisieren, so ein Projekt lockt mich aktuell überhaupt nicht mehr. :oops: Aber kann das sein, dass wir ihn geteilt hatten und du mir deine Hälfte zurückgegeben hattest, als du damals umgezogen bist? In jedem Fall habe ich zwei Abschnitte, du darfst also gerne den nicht angeschnittenen Teil zurücknehmen, wenn du ebenfalls Pfefferminz-Fleischerei-Projekte realisieren möchtest. :mrgreen:
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon KimKong » 12. Mai 2024, 13:27

Hihi also ich mag den Pfefferminz Bonbon Rock! Vielleicht auch einmal mit einer hHeftnaht von Hand zunähen und gucken, wie es dir Zuhause gefällt zum sitzen/ gehen? :mrgreen:
The Wheel of time turns, and Ages come and pass, leaving memories that become legend. Legend fades to myth, and even myth is long forgotten when the Age that gave it birth comes again. In one Age, called the Third Age by some, an Age yet to come, an Age long past, a wind rose in the Mountains of Mist... RIP Robert Jordan

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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon Marzi Panik » 14. Mai 2024, 14:02

Constanze hat geschrieben:
11. Mai 2024, 16:33

Ja, ich glaube da war mal was. :D Wenn ich mich recht entsinne, wollten wir daraus zwei Turnürenkleider nähen, aber das wäre angesichts der "Dünne" völlig unpassend gewesen, wenn ich mir den Stoff so ansehe. Zudem werde ich das wohl mein Lebtag nicht mehr realisieren, so ein Projekt lockt mich aktuell überhaupt nicht mehr. :oops: Aber kann das sein, dass wir ihn geteilt hatten und du mir deine Hälfte zurückgegeben hattest, als du damals umgezogen bist? In jedem Fall habe ich zwei Abschnitte, du darfst also gerne den nicht angeschnittenen Teil zurücknehmen, wenn du ebenfalls Pfefferminz-Fleischerei-Projekte realisieren möchtest. :mrgreen:
Ja, ich glaube, ungefähr so was das. Neeee, ich brauch den Stoff auch nicht :mrgreen:

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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 2010er, S. 6

Beitragvon charly » 14. Mai 2024, 17:50

Hatte ein bisschen aufzuholen.
Die 80er-Jahre-Jacke find ich ganz cool.
Die Assoziation mit einem noch älteren historischen Schnitt kann ich voll nachvollziehen; sie wurde sich vermutlich gut mit einem sehr aufgeplusterten Rock auch machen. Vielleicht so ein hexiges Fetzen-Tütü. :mrgreen:

Bei dem Rock wär ich vermutlich wahnsinnig geworden, so wie Du das beschreibst. Respekt, dass Du ihn nicht direkt in die Tonne befördert hast.
An sowas wie Schwimmbad- oder Strandrock hab ich auch gedacht, als ich gesehen hab, wie durchscheinend er ist. Vermutlich wäre Futter dafür wieder raustrennen/schneiden Dir aber nicht so lieb?
(Macht mich bitte auf Fehler und -ismen aufmerksam, am liebsten per PN.)

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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 1900er, S. 6

Beitragvon Constanze » 21. Jun 2024, 17:36

1900er
Projekt: Weste mit Applikationen
Schnitt: Kunstgewerbe für’s Haus, Schnittbogen
Datierung: Oktober 1904
Stoffe: rote Wildseide (Ikea), zwei Reste Kimono-Seide
Musik: 1904 ist das Geburtsjahr von «Berliner Luft», das ist vielleicht das heute noch bekannteste Lied, das ich finden konnte.

Vor vielen Jahren hatte ich das Glück, zwei komplette Jahrgänge einer…ich nenn es mal Jugendstil-DIY-Zeitschrift zu finden. «Kunstgewerbe für’s Haus» versammelt eine bunte Mischung von Techniken und Vorlagen, von Brandmalerei-Vorlagen für Bilderrahmen oder Schreibmappen über Muster für Ostereier und Neujahrskarten bis hin zu Schnitz-Designs für Standuhren und Papierkörben ist alles dabei. Regelmässig sind auch Vorlagen für textile Arbeiten dabei, in all diesen Heften insgesamt aber davon nur wenige für Kleidung, und auch das sind dann eher Design-Vorlagen als richtige Schnittmuster, eine ist bspw. nur für einen Kragen, den man einem vorhandenem Blusen- oder Jackenschnitt ansetzen muss.

Gestalterisch ist die Publikation sehr im Jugendstil und der Reformbewegung verhaftet. Das heisst auch, dass die Vorlagen für Kleidung nicht der modischen S-Form entsprechen, sondern Gestaltungsideen für Reformkleider sind. Ich habe mich für ein sehr kleines Projekt entschieden, dafür war bei diesem Modell tatsächlich ein ganzer Schnitt angegeben. Wobei «ganz» nicht ganz sicher ist. Laut Beschreibung handelt es sich um ein «Reformjäckchen», ausführbar in «Stickerei, Applikationsarbeit oder Sammetbrand». Der Schnitt besteht nur aus einem Teil und die Armlöcher sind so groß und die Schultern so schmal, dass ich davon ausgehe, dass hier der Begriff «Jäckchen» etwas anders verwendet wurde und es sich tatsächlich um eine Weste handelt, der nichts hinzugefügt wird, so habe ich es jedenfalls umgesetzt.



Ich habe mich für die Applikationsarbeit entschieden. Da ich ja Reste verbrauchen möchte, habe ich überwiegend kleine Stoffstücke verwendet, die für das Projekt komplett aufgebraucht werden konnten. Hätte ich neu gekauft, hätte ich sicher andere Stoffe und Farben ausgewählt, so ganz scheint es mir zum Muster nicht zu passen. Die Wahl fiel so auf rote Wildseide von Ikea und zwei Reststücke Kimono-Seide, die mir mal aus Japan mitgebracht wurden. Für das Futter rot-weisse Streifen, für die Applikation eine weisse Seide mit hellblauem (gedrucktem oder gemaltem) Muster. Eigentlich sind es stilisierte Blumen, wie man auf den Arbeitsfotos sieht. In der fertigen Applikation sieht es eher wie Schillern der Seide oder Wasser aus, was mir auch gut gefällt. Am Futter musste ich bei den Trägern etwas ansetzen, sonst ist alles jeweils aus einem Stück Stoff ohne Nähte gearbeitet.



Zuerst übertrug ich das Muster mit Kopierpapier auf die Applikationsseide und legte diese dann auf den Oberstoff. Meine erste Idee für die Applikation war, die beiden Seidenstoffe mit Sprühkleber zu fixieren und dann zu Nähen. Das ist so ein Hilfsmittel, von dem ich viel gelesen hatte, es aber nie benutzt habe. Vor Jahren hatte ich mal eine Dose gekauft, die sollte also zur Anwendung kommen…nur hatte sie inzwischen das Treibgas verloren und tropfte lediglich ein paar hässliche Klebertropfen auf den Stoff. Hurra, ging gut los. Also steckte ich alles mit Stecknadeln fest und steppte dann im Stopfmodus (also ohne Transport, Zauberwort freies Maschinensticken) die Linien sehr grob nach. Das hatte ich jahrelang nicht mehr gemacht und die Nähte waren meilenweit weg von den Linien, aber ich hatte die Stoffe faltenfrei verbunden und konnte die tausend Nadeln entfernen. Dann nahm ich den Stofftransport wieder dazu und fuhr jede Linie mit einem engen Zickzack-Stich nach bevor es an den heikelsten Schritt ging: die Areale ausserhalb des Musters wegschneiden sowie die Gradstiche, wo sie zu weit neben dem Zickzack-Stich verliefen. Das kostete mich Stunden und ich spüre bis heute die Schwiele an meinem Daumen von der kleinen Schere, aber immerhin habe ich nur einmal in den roten Stoff geschnitten (habe ich dann von der Rückseite mit Bügelvlies repariert). An diesem Punkt war ich sehr froh, dass das mit dem Sprühkleber nicht geklappt hatte, denn sonst wäre ich nicht so einfach zwischen die beiden Lagen gekommen. Die Klebertropfen waren aber immer noch da, zudem überall die Linien von dem Kopierpapier. Also wusch ich das Ganze in diesem Stadium, was die Kleberflecken nicht beeindruckte, dafür verlor die Seide leider ihren Stand.



Erst als die komplette Applikation freigelegt war, habe ich das Schnittmuster wieder aufgelegt, die Weste zugeschnitten und mit dem Futter verstürzt, Wendeöffnung ist unter einer Armhöhle. Der Schnitt zeigt sehr deutlich sich zur Schulternaht hin verjüngende Träger. Das sieht zusammengenäht aber merkwürdig aus, also habe ich die vordere und hintere Trägerseite einzeln wie Sackgassen genäht, deshalb war das dann mit dem Wenden auch sehr einfach, wenn auch etwas verwinkelt. Danach dann alles knappkantig abgesteppt und ich war fast fertig. Die Kleberflecken waren zum Glück kaum auf der finalen Weste gelandet, dafür machte mein Bügeleisen Theater und sabberte lustig vor sich hin, was zu fiesen Wasserflecken im Futter führte. Vielleicht wasche ich sie noch einmal, damit sie wieder weg gehen, ist jetzt nach der ersten Wäsche ja sowieso egal.



Blieben zwei Fragen: Schulterschluss und Verschluss vorne. Erst habe ich die Schulterträger überlappt und wollte dekorativ große Perlmuttknöpfe aufnähen. Das passte aber doch weniger gut als erwartet zum Ornament, also habe ich sie einfach so überlappend festgenäht. Als Verschluss habe ich dann nur einen Druckknopf genommen. Der war 1903 gerade in seiner heutigen Form auf den Markt gekommen, als Westenverschluss dürfte er aber eher nicht Verwendung gefunden haben (habe ich jedenfalls noch nie gesehen). Ohne Verschluss wäre es mir tatsächlich lieber gewesen, aber dann hängen die Seiten einfach runter und man sieht das Muster nicht.



Wirklich passen tut die Weste nicht. Vielleicht würde sie über einem passenden Kleid wie so einem tatsächlich sitzen, ich fand in meiner Garderobe keine Kombination, in der sie nicht irgendwie komisch abstand, daher gibt es Fotos nur ohne mich. Wie schon erwähnt wäre es mit anderen Farben wohl viel harmonischer (das Rot ist m.E. viel zu knallig für das Muster), trotzdem finde ich das Jugendstilmuster sehr schön und bin froh, einmal so etwas ausprobiert zu haben.



Und noch etwas habe ich gelernt: Sprühkleber kommt sicher nicht mehr ins Haus. :motz:

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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 1900er, S. 6

Beitragvon Bluemoon » 21. Jun 2024, 17:50

Das Muster erinnert mich im letzten Foto an diese Skelett-Aufdrucke auf Hoodies. Nur stilisiert.
Hat was! :D
Generell hast du ein interessantes Modell gefunden, wusste zwar von Reformmode, aber die Westen waren mir noch nie untergekommen. Wieder was gelernt!^^

Respekt für die Umsetzung, kann mir vorstellen, wie du geflucht haben musst.

(Und ich hab auch Sprühkleber, noch damals gekauft und nie verwendet. Was mach ich jetzt damit!? :lol: )
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 1900er, S. 6

Beitragvon Alice* » 21. Jun 2024, 21:10

Ich find die Applikation auch wunderschön (und hatte auch die Assoziation eines stilisierten Brustkorbes - vor allem hinten)!
Gebe dir recht, dass eine andere Farbkombi wsl noch mehr aus dem Stück heraus geholt hätte.
Ich fänds als oberen Teil mit angesetztem fließenden Stoff cool, aber dafür ist der Schnitt wohl einfach zu weit weg vom Körper.
Auf jeden Fall großen Respekt für die Applikation - dafür braucht man echt starke Nerven! :up:
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Re: Nähen durch die Jahrzehnte - die 1900er, S. 6

Beitragvon Sisu » 22. Jun 2024, 07:21

Die Applikation ist toll! Schön, dass du durchgehalten hast, auch wenn die Wester zum Tragen etwas zu auffällig ist. Was für eine Arbeit!

Auf dem Reformkleid-Foto überlappen die Teile auf der Brust nicht, wenn ich es richtig sehe, vermutlich wurde es mit Haken verschlossen? Habt ihr gesehen, dass das Muster auf dem Saum des Kleides nochmal aufgenommen wird?

Sprühkleber benutze ich nur zum Fixieren von Folien für Schablonendruck. (Auch dort, lieber etwas weniger Kleber, sonst gibts Flecken.)
Mein Tipp zum Applizieren: Vliesofix. Auf den Apppikationsstoff bügeln, ausschneiden (geht mit einem Schneideplotter sogar noch präziser, weiss ich seit kurzem!), auf den Trägerstoff bügeln, ohne Nadeln und ganz in Ruhe festnähen.
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