Die 1940er
Projekt: Kurzarmbluse aus vier Stoffen
Schnitt: Beyer’s Mode für Alle, Schnittmusterbogen
Datierung: April 1940
Stoffe: ein Rest leicht stretchiger Cordsamt (Material unbekannt), ein Rest Gabardine (Poly/Wolle), ein Rest Cupro (Viskose), Spitze von einer Shorts (Material unbekannt).
Der Versuch, das Lager leeren führt ja meistens dazu, dass man zwar grössere Stücke vernäht, der Stapel mit den kleinen Reststücken aber unweigerlich wächst. Und im Gegensatz zu solchen Stoffen, die sich gut für Patchwork, Täschchen oder sonstwas Kleines eignen, gibt es Kandidaten, die ewig bei mir herumliegen, Samtreste oder auch Wollstoffe bspw.
Nun fand ich kürzlich bei der Durchsicht eines Schnittmusterbogens einen Blusenschnitt für verschiedene Stoffreste und die einfarbige Zeichnung brachte mich auf die Idee, den Schnitt aus verschiedenen schwarzen Stoffresten zu versuchen. Dieses Bild war in meinem Kopf dann so klar, dass ich das Heft zweimal durchblättern musste, bis ich das Modell fand, dort war es aus verschiedenen farbigen Stoffen als Strandbluse gearbeitet. Vorgesehen sind dort eigentlich drei verschiedene Stoffe.
Zum Einsatz kamen folgende teils gut gereifte Stoffreste:
- ein komisch ausgeblichener Baumwollstoffrest unbekannten Alters oder Herkunft für die Belege.
- Der jüngste im Bunde, ein Cupro, also Viskose in Köperbindung, den ich 2024 für meine Nichte gekauft habe (Wir haben ihr gemeinsam daraus eine Weste daraus genäht.)
- Ein Gabardine, 45% Polytier und 55% Wolle. Gekauft ich weiss nicht wann, daraus wurde schon der Spencer vom 80er-Jahre-Post, aber die Reste reichten jetzt auch noch für dieses Projekt.
- Spitzenstoff. War ursprünglich eine Shorts, die ich schon gebraucht geschenkt bekam. Ich bin nicht der Typ für Shorts, deshalb habe ich sie kaum getragen und irgendwann den Reissverschluss geplündert. Weil ich die Spitze zu schade zum Wegwerfen fand, kam sie in den Fundus. Wann? Mh, 2007 vielleicht, aber die Shorts zerschnitten habe ich erst später…
- der wohl älteste bzw. am längsten im Lager liegende, ein Rest Cordsamt mit leichtem Stretch. Gekauft für einen Craftswap zum Thema «Vampire» 2007, damals nähte ich meiner Swap-Partnerin (ich bin leider nicht mehr sicher, wahrscheinlich für Nocte_Obducta) eine Tornürenjacke aus dem Stoff. Davon gibt es sogar ein Foto (dass der Saum in der vorderen Mitte auf einer Höhe sein soll, lernte ich erst 2008

):

Irgendwann (um 2014) nähte ich aus dem Rest noch einen Rock, von dem gibt es kein Foto. Es blieb ein noch kleinerer Rest, der seitdem seines Schicksals harrte. Aus dem bekam ich sehr knapp und mit sehr wenig Nahtzugabe die drei Schnittteile heraus.
Ebenfalls mit von der Partie war ein Rest beigefarbener Seidenorganza, allerdings zählt der bei mir nicht zu den Stoffresten, sondern zu Vlieseline und Co. Den kann man für verschiedene Sachen gebrauchen, wie ich vor Jahren in
diesem Blogpost lernte, unter anderem als Stabilisator oder Zwischenfutter (Seide, nicht den normalen Polyesterorganza!). Oft benötige ich ihn nicht, aber hier und da erweist er sich doch als nützlich. In diesem Fall verwendete ich ihn als Unterlage für den Spitzenstoff, also ich habe beide aufeinander gelegt wie ein Stoff verarbeitet. Ebenfalls daraus wurden die Belege im oberen Teil.
Ich muss ja gestehen, ich mag all die Arbeitsschritte beim Nähen, in denen Papier zugegen ist (Schnitt abpausen und auf den Stoff übertragen) nicht besonders. Entsprechend verfluchte ich mich mehr als einmal beim Abpausen der elf Schnittteile und dem Übertragen der insgesamt 29 Einzelteile (Rückseite und jede Vorderseite bestehen aus je vier Teilen =12, Ärmel aus je zwei = +4, das Schösschen habe ich gedoppelt =+3 ebenso die Spitze mit dem Organza = +5, plus geteilter Beleg aus BW und Organza + 4, plus ein gar nicht im Schnitt vorhandener Beleg für die Rückseite des Halsausschnitts +1).
Das Schöne an dem Schnitt ist, dass er durchdacht ist, also alle Abnäher sind in die Teilungsnähte eingearbeitet, man kann sofort mit dem Zusammennähen anfangen. Das ging dann auch recht zügig und fühlte sich etwas an wie Patchwork. Weil die Nahtzugaben teils so knapp waren und weil mit der Spitze und dem Samt auch zwei eher dicke Kandidaten dabei sind, habe ich alle horizontalen Nähte ausser die Ärmelnähte noch einmal abgesteppt.
Von all meinen unzähligen schwarzen Knöpfen hatte ich nur von zweien in der richtigen Größe genügend und der eine davon sah einfach mäh aus. Also wurden es diese etwas extrovertierten, gemusterten Knöpfe. Passen zur sowieso etwas lauten Bluse und auch stilistisch erinnern sie mich an Art Déco, obwohl sie von der Verarbeitung her wohl eher später zu sein scheinen. Die Anleitung wollte acht, ich hatte sieben und fand einen Knopf unten am Schößchen auch unnötig. Weil die Stoffe so unterschiedlich sind, habe ich mich gegen Knopflöcher entschieden, geschlossen wird mit Druckknöpfen und in der Taille mit Haken und Augen.
Tja, weniger Vivienne Westwood, mehr desigual, was eigentlich nicht so meins ist. Trotzdem ist das Ergebnis besser als zwischendurch befürchtet. Zwei Dinge sind etwas suboptimal: einmal sind die Schwarztöne recht unterschiedlich. Das fiel bei Stoffsuche und Zuschnitt abends nicht so auf und ich hielt es auch nicht für relevant, es sollte ja zusammengewürfelt aussehen. Trotzdem wird es besonders bei Tageslicht doch etwas bunt, in demselben Schwarz wäre es wahrscheinlich eleganter geworden. Der Schnitt sah zudem eigentlich nur drei verschiedene Stoffe vor, auch das habe ich kaum beachtet bei der Stoffauswahl, sondern war froh, so viele Reste wegzubekommen. Aber zumindest zwei Streifen aus demselben Gewebe hätte es wahrscheinlich deutlich beruhigt, auch in farbig wäre das wohl der schmale Grat zwischen ausgewogen bunt und Zirkus.
Ich habe leider wirklich kein einziges Foto während des Nähens gemacht. Entweder habe ich es vergessen und immer wenn ich mal daran dachte, war ich so schön dran und dachte mir «ach, später».
Wirklich aufgebraucht sind übrigens nur der Cordsamt, der Belegstoff und der Organza, von den drei anderen habe ich jetzt noch kleinere Reste…
Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning
Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.