Die 1900er
Projekt: (Nacht-)Hemd für Knaben
Schnitt: Häuslicher Ratgeber
Datierung: 1907
Stoffe: gelb-blau karierter Hemdenstoff, Baumwolle
Ein Projekt aus zwei Neuzugängen, Stoff und Schnitt. Der Stoff ist aus meinem Kaufrausch vom Frühling, ein knapp 2 m Reststück eines dünnen, karierten Baumwollstoffs ohne Stand, fast wie dünner Flanell. Den Schnitt fand ich gemeinsam mit einem kleinen Stapel Schnittmustern und Handarbeitsbeilagen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in einem Antiquitätenladen in der Berner Altstadt. Normalerweise findet man ja eher die Hefte ohne die Beilagen, hier war es genau umgekehrt. Also machte ich mich online auf die Suche nach zu den Schnittmustern passenden Heften. Die modischen und grösseren Magazine wie bspw. La mode illustrée sind inzwischen auch über manche Bibliotheken digital zu finden, diese Schnitte waren aber aus verschiedenen Zeitschriften, die ich alle nicht digital fand. Aber tatsächlich bot auf einer Bücherverkaufsplattform ein privater Verkäufer in Österreich einen Jahrgang des «Häuslichen Ratgebers» an, von dem ich zwei Schnittmusterbögen hatte, zwar die österreichische Ausgabe, aber zumindest was die Handarbeiten angeht, scheint sie passend zu meinen Beilagen. Und wie es der Zufall wollte, war ich gerade im Urlaub in der Nähe und der Verkäufer wohnte direkt auf dem Weg, also sparte ich mir auch noch das Porto für das schwere Ding. So kann ich euch sogar die Grafik zum Projekt zeigen.
Bevor ich die Zeitschrift hatte, konnte ich mir unter einigen der komplexeren Schnitte nur anhand der Schnittteile wenig vorstellen, aber ein einfaches Hemd sollte wohl hinzubekommen sein. Die Benennung ist etwas uneinheitlich, mal ist es ein Nachthemd, mal ein Hemd, gemeinsam mit einer langen Unterhose wird es als «Wäsche für Knaben von 14 bis 16 Jahren» bezeichnet. Für diese Zeit ist das aber nicht weiter verwunderlich, dass man die Leibwäsche auch nachts trägt, tagsüber wird das Hemd dann mit gestärktem Kragen, Hemdbrust etc. ergänzt, wie sie auch auf der Zeichnung abgebildet sind. Ich dachte, aus dem Stoff könnte es ein bequemes Alltagshemd werden.
Erst hatte ich überlegt, das Hemd direkt zu kürzen, 95 cm Rückenlänge ist doch etwas unpraktisch in engeren Hosen. Aber schliesslich habe ich es doch in Originallänge gemacht, um auszuprobieren, ob es vielleicht als Kleid funktioniert. Wenn ich es doch lieber als Bluse tragen würde, könnte ich immer noch kürzen. Lustig finde ich, dass die Beschreibung behauptet «Vorder- und Rückenteile des Hemdes sind faltenlos gehalten und nur mit gesteppter Knopfleiste versehen.» Technisch mag das stimmen, aber irgendwie würde ich dann ein sehr glattes Hemd erwarten, nicht, dass das Rückenteil an der Passe fast auf die Hälfte eingekräuselt wird. Weil der Stoff so weich ist, hat es sich leider etwas verschoben, aber nachdem ich leider doppelt abgesteppt hatte, wollte ich es nicht noch einmal auftrennen.
An der Vorderseite musste ich noch lernen, wie man einen angeschnittenen halben Schlitzverschluss macht, war aber dann gar keine Zauberei. Schlimmer war, dass mein Nähzimmer auch ohne Bügeleisen schon warm genug ist, was nicht direkt das Nähen verkompliziert, aber das Drumherum. Daher meine Wie-bügel-ich-zweimal-umgeschlagene-Knopfleisten-ohne-das-Bügeleisen-benutzen-zu-müssen-Lösung:
Je mehr sich das Hemd der Fertigstellung näherte, desto weniger schien es mir als Hemd tauglich oder gar als Kleid, es wirkte einfach wie ein Nachthemd, die weiche Lappigkeit des Stoffes und das Muster trugen sicher ihren Teil dazu bei, klassischer Constanze-Stoffauswahl-Fail. Aber es kommen – neben der unsauberen Einreihung am Rücken – noch zwei Passformprobleme dazu: Erstens ist der Kragen zu eng, um ihn zu schließen. Offenbar habe ich die Schulterbreite eines 14-jährigen, aber einen dickeren Hals.

Nur das Schnittteil ging noch knapp zu, weshalb ich es nicht geändert hatte, aber angenäht reichte es dann nicht mehr. Das zweite ist gröberer Natur: Wegen der eingekräuselten Mehrweite hinten und den sekundären Geschlechtsmerkmalen am Oberkörper einer Frau, die ein 14-jähriger Junge nicht hat, hängt die Seitennaht nicht gerade, sondern zieht Richtung Saum deutlich nach vorne.
Damit war die Sache klar, dieses 1900er-Projekt wird – wie auch schon das Luftbadehemd in der 1. Staffel – das Haus nicht verlassen. Entsprechend liess ich die Länge, wie sie war, schloss die Seitennähte aber nicht ganz und rundete den Saum an den Seiten ab (die Anleitung sagte nichts dazu, wie der Saum zu arbeiten sei). Leider hatten sämtliche gelben oder grünen Knöpfe einen falschen Farbton, weshalb ich diese etwas angeschlagenen blauen verwendet habe. Den Schlitzverschluss habe ich mit den zwei Knöpfen so zugenäht, dass ich bequem reinschlüpfen und den Kragen umlegen kann (sonst stört er mich wohl zu sehr), zwei Knopflöcher gespart, nur für die Ärmel brauchte ich dann doch jeweils eines.
Aus Temperaturgründen fürs Foto nicht mehr gebügelt, sonst würde der Saum sicher schöner fallen. Und nicht an mir, weil ich nicht im Nachthemd im Netz stehen will. Aber dafür einmal so gefaltet wie in der Vorlage.
Kleine Fußnote: Einfarbige Schnittmusterbögen sind ja sowieso schon eine Klasse für sich, aber hier haben sich die Gestalter wirklich keine Mühe gegeben. Vorder- und Rückseite waren ein Schnittteil mit abweichenden Umrissen in der oberen Körperhälfte (siehe Schema oben, Schnittteil 47). Hier seht ihr den Bereich der Ärmelnaht auf dem Bogen, gepunktete Linie (links oben lest ihr «Ärmelausschnitt Fig. 47» und rechts unten neben der Falte im Papier sehr ihr die beiden Linie für den vorderen und hinteren Armausschnitt («Vordere Achsel Fig. 47»). Nun versucht mal, den Linien zu folgen, besonders die Schulterlinie am Vorderteil ist quasi nicht sichtbar. (verläuft oberhalb von dem Schriftzug «Fig. 20», man sieht links und recht vom Schriftzug so einzelne Punkte) Bei einem komplexeren Kleidungsstück wäre der Schnitt kaum brauchbar gewesen.

Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning
Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.